Zurück nach Faldors Farm

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Schnappatmung!

Das war meine erste Reaktion auf die Ankündigung, dass die Belgariad-Saga neu aufgelegt wird. Mitte der 90er, gegen Ende meiner Schulzeit, bin ich auf sie gestoßen und habe sie förmlich verschlungen. Die Saga ist eine Mischung aus traditioneller Fantasy und Coming-of-Age-Geschichte – vor allem aber besticht sie mit ihrem Humor und ihren fein gezeichneten Charakteren.

Kurz zum Inhalt: Garion wächst im friedlichen Sendarien auf einer Farm auf. Seine einzige Verwandte ist Tante Pol. Sein Leben nimmt allerdings eine plötzliche Wendung, als er sich mit ihr, dem Schmied Durnik und dem alten Geschichtenerzähler Wolf aufmachen muss, um etwas zu finden, was gestohlen worden ist. Was, das will ihm niemand sagen.Stück für Stück werden die weiteren Abenteurer eingeführt, die immer nur einen Teil zum Puzzle beitragen (können) – allen voran mein Lieblings-Charakter Silk, ein Händler/Prinz/Schmuggler/Kämpfer/Schlawiner, der für jede Situation die passende Vorgehensweise auf Lager hat.

Nun also ist die Belagariad neu aufgelegt worden. Laut Verlag wurde der Text etwas modernisiert und der heutigen Sprache angepasst. Beim Lesen selbst fällt das nicht auf. Die Änderungen sind minimal und stören den Lesefluss nicht. Nur beim direkten Vergleich bemerkt man sie:

Als die Welt noch jung war, lebten die sieben Götter in Harmonie, und die Völker der Menschen waren eins. (Neuauflage Blanvalet 2018)

Als die Welt noch neu war, lebten die sieben Götter in Harmonie, und die Rassen der Menschen waren wie ein Volk. (Auflage Bastei Lübbe 1998)

Die leichten Anpassungen sind so klein, dass sie nicht ins Gewicht fallen. An der zauberhaften Atmosphäre der Geschichte ändern Sie nichts.

Auch 25 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Garion, Pol und Belgarath hat die Geschichte nicht von ihrer Magie eingebüßt. Es ist, als käme man heim: Zurück auf Faldors Farm, zurück in Tante Pols Küche, in der man ihr duftendes Essen schon von weitem riechen kann, zurück in die Gasthäuser am Wegesrand, in denen sich neben den Helden auch allerhand Gesindel und Feinde tummeln. Ich liebeliebeliebe den Humor von David Eddings – die Charaktere frotzeln miteinander und liefern sich wundervolle Wortgefechte. Die Beziehungen sind teils tief verwurzelt, teils bauen sie sich erst auf – aber die Gruppe um Garion ist ein Zusammenschluss, der perfekt harmoniert. Dazu kommt die ausgeklügelte Geschichte, die langsam immer mehr Facetten zu Tage dringen lässt.

Womit ich mich schwer tue, ist der Untertitel des ersten Bandes. Dieser heißt „Die Gefährten.“ Momentdemal. Kennt man doch. Richtig: Auch das erste Herr-der-Ringe-Buch heißt so. Hier hat sich der Verlag nicht wirklich einen Gefallen getan, man denkt sofort: Da hat aber einer abgekupfert. Das finde ich schade. Nun haben sich die bisherigen Übersetzungen des Originaltitels „Pawn of Prophecy“ auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert („Die Prophezeiung des Bauern“ und „Kind der Prophezeiung“), aber ich hätte mir gewünscht, dass man doch etwas länger über den Titel gebrainstormt hätte. Dennoch: Dies ist der einzige Kritikpunkt, den ich habe. Ok – bis auf: Dass es noch bis September 2018 und März 2019 dauert, bis die nächsten beiden Bände rauskommen.

Besonders gut gefällt mir das Cover. Es wirkt deutlich „erwachsener“ als die Reihe aus dem Bastei-Lübbe-Verlag. Die Farben sind zurückhaltend und aus einem Farbspektrum. Meine 1998er-Version ist vom Lesen schon so vergilbt, dass ich mich freue, bald die neue neben ihr stehen zu haben. Und nein, die alte wird nicht weggeschmissen. Zu viele Erinnerungen sind mit ihr verbunden.

Die Belgariad-Saga ist eins der wenigen Bücher, die ich regelmäßig immer wieder gelesen hab – einfach, weil sie so ein wohliges Gefühl hinterlässt.Das Cover der Neuauflage. Hinten rechts: meine heißgeliebte, mittlerweile arg vergilbte 1998-er Auflage

Foto: privat

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Der Hype um die Magd

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Endlich – endlich bin ich mal wieder dazu gekommen, ein Buch zu lesen. Vor dem Hintergrund der Serie „The Handmaid’s Tale“, die ich noch auf meiner To-Guck-Liste habe, wollte ich zumindest vorher noch das Buch lesen. Immerhin ist es ein moderner Klassiker der Dystopien.

Was mich ja schon wieder *sehr* gefreut hat (Nicht!), ist die Erzählperspektive: Die Ich-Erzählerin. Mir ist bewusst, dass die Autorin Margaret Atwood sie gewählt hat, um dem Leser die Empfindungen der Hauptperson deutlich zu machen – aber ich mag diese Perspektive schlichtweg nicht.

Die Erzählerin Desfred, die eigentlich nur eine Gebärmaschine in einem christlich-fundamentalistischen Staat der nahen Zukunft ist, erzählt von der Welt, in der sie lebt – und in der sie als sogenannte „Magd“ keine Rechte besitzt.

Die Welt, in der sie lebt, wird beängstigend anschaulich geschildert, mit allen grotesken Ideen, die der fundamentalistische Staat hervorgebracht hat. Die Vorstellung, dort leben zu müssen, erzeugt Schrecken und Unglauben. Die Beschreibung des Status Quo zeigt eine totalitäre Gesellschaft, die so auf vermeintlich biblische Werte beharrt, dass sie vergessen hat, was es heißt, christlich zu sein.

„Der Report der Magd“ zeichnet eine düstere und angstvolle Zeit, in der ich persönlich nicht leben will. Sie wird schnörkellos beschrieben und erweckt vermutlich deswegen diesen kalten Schauer auf meinem Rücken.

Was mir nicht gefallen hat, war der Umgang der Protagonistin mit ihrem Schicksal. Ihrer Erzählung nach muss die Übernahme der Welt, wie wir sie kennen, durch den totalitären Staat sehr schnell gekommen sein. Sie selbst hat noch in „unserer“ Welt studiert, gearbeitet, einen Mann geheiratet und ein Kind bekommen. Dann kam der Umbruch. Der Zeitabschnitt dazwischen ist nicht lange her, dennoch nimmt Sie ihre neue Welt völlig selbstverständlich hin. Sie wundert sich zum Beispiel nur sehr leicht über die Exekutierten, die an einer Mauer hängen, weil sie ein vermeintliches Verbrechen begangen haben. Sie nimmt alles sehr klaglos hin, beschwert sich nur bei sich selbst, handelt aber nicht wie jemand, der Ungerechtigkeit empfindet und ihr zu entfliehen versucht.

Insgesamt macht sie auf mich den Eindruck einer willentlichen Mittäterin, weil sie sich für meinen Geschmack einfach zu passiv verhält. Das mag ihrer Entmündigung als Frau geschuldet sein, hinterlässt bei mir jedoch den faden Beigeschmack einer Frau, die sich zu sehr fügt und zu wenig aufbegehrt.

Foto: privat

Von Göttern und anderen Typen

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Groß wurde sie angekündigt – die neue Serie „American Gods“, die seit zwei Wochen bei Amazon Prime Video verfügbar ist (buuuh: ganz old-school-mäßig jede Woche EINE neue Folge). Nach zwei Wochen bin ich immer noch unschlüssig, wie ich sie finden soll.

Eigentlich ist die Idee einer Welt, in der die alten Götter der Griechen, Afrikaner, Indianer und Wikinger überlebt haben, ja genau mein Ding. Und Ian McShane mag ich eh gerne. Aber irgendwie werde ich mit der Serie nicht warm. 

Die Hauptpersonen sind bekannt (aus dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman), aber im Gegensatz zum Buch, wo eine Menge der eigenen Phantasie überlassen wird, werden die Bilder bei der Serie natürlich vorgegeben. Und das ist mein Problem: Viele der Darstellungen (Kämpfe, Träume…) sind in einem düsteren Comic-Stil gehalten, der mich an den Film „Sin City“ erinnert und den ich leider gar nicht mochte. Slow-Motion-Sequenzen sollen den Anschein besonderer Dramatik erwecken, sorgen bei mir jedoch für Genervtheit. So was gab es halt einfach schon zu oft zu sehen. 

Insgesamt bleibt bei mir der gleiche fade Beigeschmack wie bei der Serie „Preacher“: Ich möchte sie mögen, bekomme es aber nicht hin. 

Für das Buch lautet die Empfehlung aber uneingeschränkt: Lese-Tipp! Ich mag die Charaktere und ihre Darstellung. Irgendwie hat dort jeder – Götter wie Sterbliche – sein Päckchen zu tragen. 

Foto: http://www.luebbe.com

Foto: http://www.starz.com

Barbara ist krass

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Barbara. Ein schlimmer Name. Ich assoziiere damit immer eine Frau in den 50ern mit braunen, lockigen Haaren (die keiner stylischen Ordnung folgen) und einer dunklen Hornbrille (aber nicht eine von der nerdig-coolen Art!). Ob die Barbara, die guerillia-mäßig Zettel- und Plakatbotschaften in den Städten verteilt, genauso aussieht, mag ich nicht sagen – denn: Niemand weiß, wie sie aussieht. Barbara ist geheimnisvoll, ihre Botschaften sind aber so klar, dass sie einen treffen – entweder ins Herz oder ins Humorzentrum. Oder aber: an einer persönlichen, verwundbaren Stelle.

Das erste Mal aufgefallen ist sie mir, als ich ein Foto von einem ihrer Zettel auf facebook gesehen hab: Auf einem Stromkasten stand unter dem üblichen „Bekleben verboten“ das schelmische „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“. So einfach, so banal – und doch so wundervoll. Kein Wunder, dass es diese Aktion auf den Titel ihres ersten Buches gebracht hat.

Jetzt ist Buch Nr. 2 erschienen: „Hass ist krass – Liebe ist krasser“.

Hier hat sie sich, so scheint mir, vor allem Pegida, AfD und Co. vorgenommen. Mit deutlichen Worten macht sie klar, was sie von dieser Art der angeblichen „demokratischen Meinungsäußerung“ hält:

2000 Jahre lang war die Volksfront von Judäa die jämmerlichste Bürgerbewegung der Welt. Doch dann kam Pegida.

Barbara bringt es auf den Punkt. Ihre Botschaften sind klar, kurz und stimmig. Sie sind eine feine, moralische Nadel an der richtigen Stelle. Und sie machen auch einfach mal Spaß.

 

Foto: Lübbe

Foto: Lübbe

 

…immer diese Wiedergeburten!

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Sterben finden die meisten Menschen wohl doof – einfach, weil danach entweder alles vorbei ist oder man nicht weiß, ob und wie es weitergeht. Bei Harry August ist das anders. Wenn Harry stirbt, wird er wiedergeboren – immer wieder und wieder zum selben Zeitpunkt an der selben Stelle. Mittlerweile hat er das fast ein Dutzend Mal erlebt. Immer behält er alles, was er in seinen vorherigen Leben gelernt und erlebt hat und vergrößert so sein Wissen und seine Kenntnisse. 

Doch eines Tages ist alles anders. Ihm wird mitgeteilt, dass das Ende der Welt bevorsteht und er es verhindern soll. Und da das Ereignis, was nur grob bekannt ist, zu Beginn des 20. Jahrhunderts stattfindet, ist klar: Harry hat die besten Chancen, es zu verhindern. Daher ist die Aufgabe klar: Sterben und versuchen, die Welt zu retten. 

Ich hab mich beim Lesen etwas schwer getan. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben, und die find ich einfach nicht so pralle. Mich nervt, dass man mir als Leser so nur eine Perspektive bietet. 

Die Geschichte an sich ist aber flüssig und spannend, auch wenn ich finde, dass die Erinnerungen an die vergangenen Leben manchmal etwas zu langatmig waren.

Insgesamt nicht die Erfindung des Wiedergeburt-Roman-Rades, aber dennoch gelungen und nett zu lesen. 


Bild: Lübbe

Schabernack mit dem Kind

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Uuuuuh! Endlich wieder ein Buch mit vielen Bildern!

Dave Engledow macht sich einen Spaß daraus, das Leben mit seiner Tochter zu beschreiben – und zwar in Situationen, in denen Mutti die beiden lieber NICHT sehen möchte: z. B. beim Handwerken oder Grillen.

Die Fotos von den abstrusen Situation sind dabei sehr lustig geworden – ich bin sicher, der Autor und seine Freunde (oder wen auch immer er dafür bezahlt hat), die dabei teilweise mitmachen konnten, hatten viel Spaß. 

Wie ein Tagebuch des Schabernacks aufgebaut gibt es zu den einzelnen Fotos kurze Geschichten. Und hier liegt für mich der Hase im Pfeffer: Diese Geschichten sind für meinen Geschmack häufig zu lang. Das Foto an sich ist schon so aussagekräftig, dass es nicht eine ganze Seite Erklärung zu gebraucht hätte – hier wird leider eher was kaputtgemacht als dass es unterstützend wirkt. 

Dennoch: „Papa allein zu Haus“ ist ein schönes und kurzweiliges Mitbringsel, das man gerne mal an einen frischgebackenen Pap verschenken kann. 


Foto: Heyne / Random House

Ich Katze. Du Diener.

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Ein Katzen-Buch! Ein Katzen-Buch!

Nachdem mich der letzte Katzen-Roman ja zu alles anderem als Freudensprüngen angeregt hat, hab ich endlich ein hübsches Buch gefunden, das Katzen-Fans aus der Seele sprechen wird.

Edgar, der Kater, schreibt sein Tagebuch. Nun gut, eigentlich schreibt er über seine Tage in Gefangenschaft. Aber wir wollen ja mal nicht kleinlich sein.

Edgar zieht eines Tages unfreiwillig bei seiner Familie ein. Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund (ein bisschen dumm. Aber so sind Hunde nun mal…). Er mag sie nicht. Ständig gängeln sie ihn, wollen ihn knuddeln oder schleifen ihn zum Tierarzt. Kein Wunder, dass Edgar sich wehren muss:

Heute Morgen habe ich knallhart durchgegriffen: Ich habe eine Maus enthauptet und ihre Leiche auf dem Bett der Eltern Trottel platziert. Etwas barbarisch, ich weiß, aber nur so kann ich meinen Kerkermeistern klarmachen, wozu ich fähig bin.

Die Mission ist leider jämmerlich gescheitert. Anstatt dass die beiden vor Entsetzen erstarren, waren sie ganz entzückt und ergingen sich in dämlichen Lobpreisungen: „Was für ein braver Kater, so ein guter Jäger!“ Ich fürchte, ich muss mit meiner Gewaltbereitschaft noch einen Schritt weiter gehen…

 

Überhaupt ist das Verhältnis Mensch-Katze geprägt von Missverständnissen…

Sind die jetzt vollkommen übergeschnappt? Warum schleppen die einen Baum ins Haus? Und verkleiden ihn wie einen Transvestiten im Kabarett von Chez Michou?Und was sollen all diese bunten Kugeln und Girlanden? Eigentlich ist es ja ganz lustig, das ist bestimmt ein neues Spielzeug für mich. (…) Ich werde ihn sofort erklimmen.

Und hopp, Vorsicht da unten!

Ach, wie ärgerlich, jetzt ist er umgefallen, und alle Kugeln sind kaputt.

Warum schreien mich auf einmal alle an? (…) Da schenken sie mir ein Spielzeug, und ich darf mich nicht damit amüsieren.

 

Und auch gesellschaftlich hat Edgar einiges zu sagen:

Ich bin keine Rassekatze. (…) Für mich sind sämtliche Rassen auf dieser Welt gleichwertig… bis auf Hunde, Schnabeltiere und Menschen, die sind uns selbstverständlich unterlegen.

 

„Ein Katerleben“ ist ein kleines, aber charmantes Buch mit vielen kleinen Beobachtungen der Menschen und ihrer Verhaltensmuster. Und natürlich erklärt Edgar, warum Katzen in einem Moment gekrault werden möchten und im nächsten die Krallen ausfahren.

Vor allem Katzenfans werden Freude an ihm haben, der Rest wird zumindest immer mal wieder schmunzeln. Besonders gelungen finde ich die kleinen Zeichnungen, die das Buch aufpeppen und die einem sehr deutlich machen, wie genervt Edgar von seiner Familie ist.

Lübbe_Ein Katerleben

 

Aktueller denn je: „Damals war es Friedrich“

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Bis vor etwa einem Jahr hätten wohl viele gesagt: So was wie in den 30ern kann heute in Deutschland nicht mehr passieren… dass ein Demagoge ein ganzes Land und seine Bewohner in einen Weltkrieg reißt und Verbrechen verübt, wie man sie sich vorher nicht vorstellen konnte.

Doch mit dem Erstarken der AfD ist klar: Deutschland ist wieder anfällig geworden für rechte Propaganda. Besorgte Bürger echauffieren sich, weil ihnen Fremde angeblich etwas wegnehmen wollen, die eigentlich nur froh sind, dass sie es geschafft haben, aus einem Kriegsgebiet zu flüchten.

In diesen Tagen erinnerte ich mich an ein Buch, das ich in der Schule gelesen habe, es muss in der 8. oder 9. Klasse oder so gewesen sein. „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter.

Es beginnt sehr still und unauffällig. Der namentlich nicht genannte Ich-Erzähler erzählt von einem Jungen aus der Nachbarschaft, den er kennenlernt: Friedrich. Beide sind gleich alt, spielen zusammen, gehen später gemeinsam zur Schule. Alles ist normal. Bis immer deutlicher wird, worin sich Friedrich unterscheidet. Er ist Jude. Das ist dem Ich-Erzähler egal. Friedrich ist sein bester Freund. Die Religion steht nicht im Mittelpunkt, wenn sie sich treffen. Doch ihre Umgebung fängt an, sich schleichend zu verändern. Noch vor der Machtübernahme der Nazis ändert sich die Stimmung gegenüber Friedrich und seiner Familie. Der Hausmeister hat endlich einen Grund, die Familie zu gängeln. Friedrich muss irgendwann einen gelben Stern tragen. Er darf nicht mehr in die Schule.

„Damals war es Friedrich“ tut weh. Es schmerzt so sehr, weil man jeden Moment, in dem ein weiteres Mal eine Schikane gegen Juden deutlich wird, aufschreien möchte. Und dennoch hat man Verständnis für den Ich-Erzähler und seine Eltern. Denn die sind keine Nazis, aber sie nehmen die Veränderungen hin – zum Teil, weil sie sich nicht trauen, etwas zu sagen, zum anderen, weil sie das Gefühl haben: Da ist endlich jemand, der endlich für die Verbesserung ihrer persönlichen Lebensumstände sorgt (der Vater des Ich-Erzählers war lange arbeitslos – nach der Verdrängung der Juden aus vielen Berufen hat er wieder Arbeit).

Das Buch spielt mit den vielen Facetten, die Menschen und auch die Gesellschaft selbst haben. Da sind die Opportunisten, da sind die überzeugten Täter. Da sind aber auch die, die einfach nur wegschauen. Und da sind auch die, die sich gegen das Unrechtsregime stellen. Und da ist Friedrich, der für das alles nichts kann und vom Sog der Geschichte mitgerissen wird. Ein Jugendlicher, der ein anderes Leben gehabt hätte, wenn er eben nicht im Deutschland der 30er Jahre aufgewachsen wäre. Und da ist der Ich-Erzähler, der eigentlich immer hinter seinem besten Freund steht. Eigentlich. Denn auch er will gerne irgendwo reinpassen. Ein junger Mann, den das Gewissen zerreißt.

„Damals war es Friedrich“ ist ein leises Buch, das aus vielen kurzen Kapiteln besteht, einige sind gerade mal 3 oder 4 Seiten lang. Sie erzählen kurze Episoden und hängen nicht unbedingt zusammen, ergeben jedoch ein Bild.

Wenn ich mir die Wahlergebnisse der letzten Wochen anschaue, schaudert es mir. Genauso hat es in den 30ern auch angefangen. Hitler war nicht von einem Tag auf den anderen auf der Bildfläche erschienen. Er hat sich in die Herzen der Menschen, die verzweifelt waren und ihre Situation verfluchten, geschlichen und hat sie mit Hassparolen vergiftet. Und dieses Bild habe ich jedes Mal vor Augen, wenn ich die Demos der Pegida oder die Auftritte der AfD-Mitglieder sehe. Ich habe Sorge, dass sie es ebenfalls schaffen, dass die Aufrechten irgendwann in der Minderzahl sind. Ich habe Sorge, dass leicht zu manipulierende Menschen, die unnötige Ängste haben, sich vom Rechtsstaat verabschieden und zu denen aufblicken, die auf andere herniederblicken.

Deswegen ist „Damals war es Friedrich“ für mich immer wieder die Erinnerung daran, dass ein Unrechtsstaat immer eine Vorlaufzeit hat und man stets auf der Hut sein muss, wenn man es nicht dazu kommen lassen will, dass Hass siegt. Es ist ein kleines, dünnes Büchlein, das so unglaublich viel Inhalt hat. Es ist ein Buch, das ich immer mal wieder zur Hand nehme und lese, weil es einfach eins der wenigen Bücher ist, das mit tief berührt hat.

Und jedes Mal am Ende weine ich.

Foto: dtv Verlag

Foto: dtv Verlag

Fuller House – Zurück in die 90er

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Jetzt ist sie also endlich erschienen: Die Nachfolge-Serie zu „Full House“. Wer in den 80er und 90er Jahren großgeworden ist, der ist irgendwann (wenn auch nur beim Zappen) dort hängengeblieben. Bei Onkel Jesse, D.J. und Joey gab es immer Chaos, und auch immer was zu Lachen. Die Darsteller von damals sind auch heute noch gefragte Schauspieler oder It-Girls (die Olsen-Zwillinge haben ein ganzes Mode-Imperium aufgebaut). Und jetzt kommen sie nostalgisch alle wieder auf Netflix zusammen, in einem Setting, das dem von vor 20 Jahren wie ein Spiegelbild gleicht:

D.J. Tanner, die älteste Tochter der alten Serie, hat mittlerweile drei Söhne, ist aber nach dem Tod ihres Mannes alleinerziehende Mutter. Um sie dabei zu unterstützen, ziehen ihre Schwester Stephanie und ihre beste Freundin Kimmy (samt Tochter) bei ihr ein. Ab und zu schauen mal Vater Danny, Onkel Jesse oder der ehemaliger Schnorrer-Mitbewohner Joey vorbei. 

Und ZACK! …ist man wieder mittendrin. In den 90ern. Was für ein heimeliges Gefühl. Es ist ein bißchen so, als wäre man in einem Museum voll mit Möbeln, die mal bei der Oma standen. Niemand würde sich heute noch so einrichten, aber wenn man mal da ist, will man sich sofort auf der gemütlichen Couch fläzen. 

Es ist schön, die alten Gesichter zu sehen. Und auch die neuen machen Spaß (ok – nur den mittleren Sohn kann ich nicht leiden. Was für eine Nervnüse!) – allen voran Fernando, der argentinisch-lispelnde Noch-Ehemann von Kimmy. Definitiv mein neuer Lieblings-Charakter. 

Und ich mag, wie die Schauspieler sich und die Serie selbst auf den Arm nehmen:

Kimmy: Ist es nicht irgendwie traurig, dass man die alte Besetzung für eine lahme Reunion-Show hervorkramt?

Danny: Nicht, wenn die Sendung von allen geliebt wurde und die Stars ganz populäre kulturelle Ikonen sind. 

Herrlich! 
Oder wenn mit einem Augenzwinkern die Vierte Wand durchbrochen wird, um dem Zuschauer zu erklären, warum der Charakter der Michelle nicht dabei ist. 

Endlich sind die Meister des Overacting zurück. Die Helden der dramatischen Pausen für den Applaus des Studiopublikums. Ich bin wieder in der Pubertät, als ich für Onkel Jesse schwärmte (damals fand ich sogar seine Nackenmatte toll! Ich bitte um Absolution). Und ich habe den spontanen Wunsch, irgendjemanden zu umarmen. 

Jesse: Wir haben uns dauernd umarmt in den 80ern.

  
Foto: Michael Yarish / Netflix

Edel und einfach schön gemacht

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Nicht selbst gelesen (zumindest nicht komplett) – aber: Verschenkt! An den Lieblings-Gatten. Der ist Architekt und freut sich immer über Dinge, die mit seinem Job zu tun haben. Daher gebe ich an dieser Stelle einfach mal seine Einschätzung des Buches von Maríon Bayer wieder.

Zugegeben: „Eine Geschichte Deutschlands in 100 Bauwerken“ ist jetzt nix, was das Architektenherz zu noch nie gekannten Jauchzern verleitet – immerhin wurden die meisten dieser Gebäude oder Gebäude-Arten im Studium mehr als einmal durchgekaut.

Aber: Das Buch gibt eine schöne Übersicht über verschiedene Baustile, Hintergründe eines Gebäudes und seine geschichtliche Einordnung. Der Aufbau der einzelnen Beschreibung ist dabei immer gleich: Ein Bild des Bauwerks, danach drei Seiten Erklärung – beginnend mit dem Frühmittelalter bis hin zu aktuellen Bauwerken. Das Ganze passiert ohne viel Firlefanz, sondern klar strukturiert und dennoch interessant.

Ich selbst hab mir ein paar der Bauwerke durchgelesen und war ebenfalls sehr angetan. Die Auswahl ist gelungen, interessanterweise ist auch das Schloss Versailles mit aufgenommen worden. Das ist vor dem Hintergrund passiert, dass der Vertrag von Versailles die Geschichte Deutschlands maßgeblich geprägt hat. Die Schreibweise gefiel mir ebenfalls sehr gut. Wo es sich anbietet, steigt die Autorin nicht objektiv in den Text ein, sondern eher Reportage-artig:

Wind rauscht durch die Baumwipfel im Odenwald. Ein Waldweg steigt sacht zur Burgruine empor, die etwas versteckt zwischen Buchen und Kiefern auf einem Bergsporn thront.

Insgesamt hat mir das Buch ebenfalls sehr gut gefallen – ok, das, was ich davon gelesen hab. Es macht mit seinem Hardcover und dem schwarz-goldenen Umschlag einen wirklich hochwertigen Eindruck; und für alle Nicht-Architekten ist hinten im Anhang eine Erklärung der architektonischen Fachbegriffe… auch hier: gut mitgedacht.

 

Bild: Bastei Lübbe

Bild: Bastei Lübbe