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Bis vor etwa einem Jahr hätten wohl viele gesagt: So was wie in den 30ern kann heute in Deutschland nicht mehr passieren… dass ein Demagoge ein ganzes Land und seine Bewohner in einen Weltkrieg reißt und Verbrechen verübt, wie man sie sich vorher nicht vorstellen konnte.

Doch mit dem Erstarken der AfD ist klar: Deutschland ist wieder anfällig geworden für rechte Propaganda. Besorgte Bürger echauffieren sich, weil ihnen Fremde angeblich etwas wegnehmen wollen, die eigentlich nur froh sind, dass sie es geschafft haben, aus einem Kriegsgebiet zu flüchten.

In diesen Tagen erinnerte ich mich an ein Buch, das ich in der Schule gelesen habe, es muss in der 8. oder 9. Klasse oder so gewesen sein. „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter.

Es beginnt sehr still und unauffällig. Der namentlich nicht genannte Ich-Erzähler erzählt von einem Jungen aus der Nachbarschaft, den er kennenlernt: Friedrich. Beide sind gleich alt, spielen zusammen, gehen später gemeinsam zur Schule. Alles ist normal. Bis immer deutlicher wird, worin sich Friedrich unterscheidet. Er ist Jude. Das ist dem Ich-Erzähler egal. Friedrich ist sein bester Freund. Die Religion steht nicht im Mittelpunkt, wenn sie sich treffen. Doch ihre Umgebung fängt an, sich schleichend zu verändern. Noch vor der Machtübernahme der Nazis ändert sich die Stimmung gegenüber Friedrich und seiner Familie. Der Hausmeister hat endlich einen Grund, die Familie zu gängeln. Friedrich muss irgendwann einen gelben Stern tragen. Er darf nicht mehr in die Schule.

„Damals war es Friedrich“ tut weh. Es schmerzt so sehr, weil man jeden Moment, in dem ein weiteres Mal eine Schikane gegen Juden deutlich wird, aufschreien möchte. Und dennoch hat man Verständnis für den Ich-Erzähler und seine Eltern. Denn die sind keine Nazis, aber sie nehmen die Veränderungen hin – zum Teil, weil sie sich nicht trauen, etwas zu sagen, zum anderen, weil sie das Gefühl haben: Da ist endlich jemand, der endlich für die Verbesserung ihrer persönlichen Lebensumstände sorgt (der Vater des Ich-Erzählers war lange arbeitslos – nach der Verdrängung der Juden aus vielen Berufen hat er wieder Arbeit).

Das Buch spielt mit den vielen Facetten, die Menschen und auch die Gesellschaft selbst haben. Da sind die Opportunisten, da sind die überzeugten Täter. Da sind aber auch die, die einfach nur wegschauen. Und da sind auch die, die sich gegen das Unrechtsregime stellen. Und da ist Friedrich, der für das alles nichts kann und vom Sog der Geschichte mitgerissen wird. Ein Jugendlicher, der ein anderes Leben gehabt hätte, wenn er eben nicht im Deutschland der 30er Jahre aufgewachsen wäre. Und da ist der Ich-Erzähler, der eigentlich immer hinter seinem besten Freund steht. Eigentlich. Denn auch er will gerne irgendwo reinpassen. Ein junger Mann, den das Gewissen zerreißt.

„Damals war es Friedrich“ ist ein leises Buch, das aus vielen kurzen Kapiteln besteht, einige sind gerade mal 3 oder 4 Seiten lang. Sie erzählen kurze Episoden und hängen nicht unbedingt zusammen, ergeben jedoch ein Bild.

Wenn ich mir die Wahlergebnisse der letzten Wochen anschaue, schaudert es mir. Genauso hat es in den 30ern auch angefangen. Hitler war nicht von einem Tag auf den anderen auf der Bildfläche erschienen. Er hat sich in die Herzen der Menschen, die verzweifelt waren und ihre Situation verfluchten, geschlichen und hat sie mit Hassparolen vergiftet. Und dieses Bild habe ich jedes Mal vor Augen, wenn ich die Demos der Pegida oder die Auftritte der AfD-Mitglieder sehe. Ich habe Sorge, dass sie es ebenfalls schaffen, dass die Aufrechten irgendwann in der Minderzahl sind. Ich habe Sorge, dass leicht zu manipulierende Menschen, die unnötige Ängste haben, sich vom Rechtsstaat verabschieden und zu denen aufblicken, die auf andere herniederblicken.

Deswegen ist „Damals war es Friedrich“ für mich immer wieder die Erinnerung daran, dass ein Unrechtsstaat immer eine Vorlaufzeit hat und man stets auf der Hut sein muss, wenn man es nicht dazu kommen lassen will, dass Hass siegt. Es ist ein kleines, dünnes Büchlein, das so unglaublich viel Inhalt hat. Es ist ein Buch, das ich immer mal wieder zur Hand nehme und lese, weil es einfach eins der wenigen Bücher ist, das mit tief berührt hat.

Und jedes Mal am Ende weine ich.

Foto: dtv Verlag

Foto: dtv Verlag

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