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Verstörend. Anderes kann ich es nicht beschreiben. 

Edgar Hilsenrath, selber Holocaust-Überlebender, nähert sich dem Thema von der Seite der bitterbösen Satire an. Sein Protagonist Max Schulz ist eigentlich zum Verlierer geboren: Die Mutter hat ständig neue Liebhaber (auch gern mal gegen Geld), der sowas-wie-sein-Stiefvater prügelt und vergewaltigt ihn, und intellektuell ist er auch nicht einer der Hellsten. Aber: Max ist pfiffig und offen. Und so freundet er sich mit Itzig Finkelstein an, dem Sohn des jüdischen Frisörs von gegenüber. Gemeinsam gehen sie zur Schule, aufs Gymnasium (das Max‘ Mutter zunächst für reine Zeitverschwendung hält) und beginnen bei Itzig’s Vater eine Frisörausbildung. Weil er so häufig bei den Finkelsteins ist, lernt Max ganz nebenbei alles über jüdische Tradition und Kultur. 

Dann kommt das Dritte Reich dazwischen, und Max merkt, dass er, wenn er voran kommen will, auf der „richtigen“ Seite stehen muss. Er geht zur SA, dann zur SS und landet zu Kriegsende in Polen. Ihm gelingt die Rückkehr nach Deutschland. Dort passt er sich wieder an. Aus Max Schulz wird Itzig Finkelstein. Er wandert aus, nach Palästina, und kämpft für die Errichtung eines jüdischen Staates:

Ich, der Massenmörder Max Schulz, bin ab heute … ein jüdischer Freiheitskämpfer.

Er wird heimisch in dem Land derer, die er selbst massenhaft ermordet hat. Er adaptiert ihre Gedanken, Gefühle und Wünsche. Und doch bleibt er immer auf Distanz, weiß, dass er aufliegen kann – er wünscht es sich teilweise sogar. 

Am Ende bleibt ein schaler Beigeschmack: Darf man sich als Leser wünschen, er, der Massenmörder Max Schulz, macht eine Wandlung durch? Wäre das eine Art Sühne für seine Verbrechen? Oder soll man selbst doch schnell irgendwem Bescheid sagen, dass Itzig gar nicht Itzig ist?

„Der Nazi & der Frisör“ zeigt ein Melodrama, das den Leser unbefriedigt zurücklässt – aber das will es wohl auch. 

  
Foto: privat

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